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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Jahresempfang des Ev. Kirchenkreises Siegen
Reformatorische Erkenntnisse für den Frieden in einer pluralen Gesellschaft

09.11.2017 15:43

Das 500. Reformationsjubiläum ist noch nicht verklungen. Grund für den Evangelischen Kirchenkreis Siegen, beim Jahresempfang am vergangenen Montag (6.11.2017) in der Evangelischen Johanneskirche auf dem Rödgen dieses große Jahresereignis inhaltlich aufzugreifen. Etwa 150 Gäste aus Politik, Wirtschaft, gesellschaftlichen Gruppierungen und Kirche hatten sich zu dem Jahresempfang angemeldet.

Als Gastredner hatte Prof. Dr. Wolfgang Huber, ehemals Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, sein Kommen zugesagt. Sein Vortragsthema lautete: „Impulse der Reformation für unsere plurale Gesellschaft heute“.

„Als eine in der deutschen Öffentlichkeit und international weithin bekannte und gewichtige protestantische Stimme, die auch nach der aktiven Zeit im Bischofsamt markante und orientierende Beiträge in Kirche und Gesellschaft leistet“,  begrüßte Peter-Thomas Stuberg, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Siegen, den Gastredner. Stuberg: „Unsere Kirche in der modernen Gesellschaft zukunftsfähig zu halten und christliche Werte für unsere moderne Gesellschaft zu übersetzen, das leuchtet als ein zentrales Anliegen bei Bischof Huber deutlich auf.“
 

Würde des Einzelnen

Die Zukunftsfähigkeit der Kirche und Erkenntnisse der Reformation führte Huber in seinem anspruchsvollen Referat zueinander. Als einen Impuls aus der Erkenntnis der  Reformation beschrieb er zum Stichwort Pluralität zunächst das Berufsverständnis Luthers, das auch auf die ehrenamtliche Tätigkeit in der Zivilgesellschaft oder die Familienarbeit übertragen werden kann. Huber: „In all diesen Feldern sind Menschen Ehrengäste auf dieser Erde, weil es für sie eine Ehre ist, im Auftrag Gottes für die Mitmenschen tätig zu sein und darin auch für sich selber Erfüllung finden durch das Einbringen ihrer Gaben.“

Luther habe die Stände, die die mittelalterliche Welt geprägt hätten, nicht als letztgültige Gliederungsprinzipien der  Gesellschaft anerkannt. Er habe die Aufmerksamkeit auf den Ort jedes einzelnen Menschen gelenkt, als Träger eines Berufs, einer göttlichen Beauftragung. 

Damit hänge zusammen die Einsicht in die unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen, so der Theologe. Daraus resultiere in der neuzeitlichen Geschichte die Anerkennung gleicher Menschenrechte. Huber machte deutlich, dass es keinen legitimen Weg gibt, die Menschheit in unterschiedliche Arten einzuordnen und dann zu sagen, die eine Art sei höher als die andere.

 

Multiple Idendität

Hinsichtlich gesellschaftlicher Pluralität in Deutschland benennen die Menschen unwillkürlich die Präsenz des Islam. Huber erinnerte an den schrecklichen Terroranschlag auf das World-Trade-Center und das Pentagon am 11. September 2001. Seitdem habe man in Deutschland begonnen, Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit zu sortieren und beispielsweise nicht nach ihrer Staatsangehörigkeit. Menschen aus unterschiedlichen Staaten würden seitdem als Muslime charakterisiert und damit die Religionszugehörigkeit von Menschen als ein hervorragend wichtiges Merkmal geachtet. Zudem werde behauptet, es lebten 4–4,5 Mio. Muslime in Deutschland. Damit verbunden sei die Gefahr, dass die berechtigte Beunruhigung durch den Islamismus gleichgesetzt worden sei mit einer Charakterisierung aller Muslime. Das zu tun, hält Huber für falsch. Für ebenso falsch hält er es jedoch auch, zu behaupten, es gäbe überhaupt keine Probleme und eine gute Nachbarschaft mit allen Muslimen, die bei uns wohnten. Bestehende oder sich abzeichnende Probleme dürften nicht verharmlost werden.

Weder die Verharmlosung noch die pauschale Dramatisierung werde dem Phänomen der religiösen Pluralität gerecht. Zudem lasse man den Betroffenen nicht Gerechtigkeit widerfahren, wenn man sie auf ein einziges Identitätsmerkmal, wie die religiöse Identität, reduziere. Menschen hätten eine multiple Identität. Junge und Alte, Männer, Frauen, bestimmte Ausbildungen und Berufe, mit politischen Präferenzen, mit Hobbys, mit einer Leidenschaft für den einen Fußballverein oder den anderen. Wenn bestimmte Identitätsmerkmale absolut gesetzt würden, sei der Konflikt vorprogrammiert.

 

Glaubensfreiheit

Der Theologe geht darauf ein, wie es in der Zeit der Reformation um die religiöse Pluralität bestellt gewesen ist. Luther und die anderen Reformatoren wollten keine neue Kirche gründen. Huber: „Wir haben in den vergangenen Wochen nicht ein Gründungsjubiläum der Evangelischen Kirche gefeiert. Denn ihr Gründungsdatum ist Pfingsten und nicht der 31. Oktober 1517.“ Die Reformatoren hätten die eine Kirche der westlichen Christenheit, deren Teil sie gewesen seien, auf ihren Ursprung, ihre Wurzel, auf den Kern des Evangeliums zurückführen wollen. Es sei jedoch nicht zur Disputation gekommen und das Tischtuch nach einigen Jahren zerschnitten gewesen.

Daraus hätten die Reformatoren gelernt, dass es in Glaubensfragen Situationen gebe, in denen man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Das habe Luther auf dem Reichstag zu Worms zum Ausdruck gebracht. Er habe, so Huber, gesagt: „Widerrufen kann ich nur, wenn ich aus Gründen der Vernunft oder der Heiligen Schrift des Irrtums überführt werde. Wenn ich dieses Irrtums nicht überführt werde, muss ich meinem Gewissen folgen und keine Macht der Welt kann mich zwingen, davon abzulassen.“

Der Überzeugung, dass die politische Macht dort endet, wo die Freiheit des Gewissens und der persönlichen Glaubensüberzeugung beginnt, wurden jedoch auch die Reformatoren nicht gerecht. „Man konnte sich im 16. Jahrhundert noch nicht vorstellen“, so Huber, „dass der gesellschaftliche Zusammenhalt und Frieden gewährleistet werden kann ohne religiöse Homogenität.“ Die Fürsten bestimmten über die Konfessionszugehörigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger. In den meisten Fällen konnten religiöse Minderheiten ihrem Glauben nur in der Weise folgen, dass sie emigrieren, oder Martyrium auf sich nahmen. Später wurde die konfessionelle Koexistenz unausweichlich und die Konfessionen lernten miteinander im Geist der Toleranz umzugehen. Und erst auf diesem langen ziemlich umständlichen Weg kam eine ursprüngliche Einsicht der Reformation wieder bei den Menschen und in der Gesellschaft an. Diese ursprüngliche Einsicht hieß: Die Glaubensfreiheit ist ein zentrales unerlässliches Gut. Der Staat hat sich von Einmischungen in die Freiheit des Glaubens zurückzuhalten.

Huber erinnerte an das zweite Vatikanische Konzil, das die Ökumene voranbrachte. Und er erinnerte daran, dass die Kirchengemeinschaft zwischen lutherischen und reformieren Kirchen in Deutschland und Europa erst mit der Leuenberger Konkordie von 1973 geklärt wurde. Wolfgang Huber: „Mir ist es so wichtig, auf diesen Punkt einen realistischen und selbstkritischen Blick zu werfen, weil es die unerlässliche Voraussetzung dafür ist, dass wir auf die heutigen Aufgaben des Umgangs mit religiöser Pluralität nicht in einem Geist der Überheblichkeit und der Selbstgerechtigkeit zugehen, sondern in einem Bewusstsein, wie lang die Lernprozesse gedauert haben, die wir selber gebraucht haben.“

 

Glaubenssituation in Deutschland untypisch

Anschließend geht er der Frage nach, ob die deutsche Gesellschaft zurecht als plurale Gesellschaft beschrieben wird oder sie nicht zutreffender eine säkulare Gesellschaft ist. Säkular bedeute, dass Religion für das Leben und Handeln in dieser Gesellschaft keine Rolle spiele. Huber: „Nein, diese Gesellschaft ist nicht säkular, aber der Staat ist, Gott sei Dank, säkular. Staat und Recht sind säkular. Sie kennen keine Präferenz für eine Religion. Und genau damit gewährleisten sie die Religionsfreiheit für alle.“

Huber geht davon aus, dass die Rolle des Islam und muslimisch geprägter unterschiedlicher Gemeinschaften und Lebensformen wachsen werden, und dass in Deutschland die säkulare Option eine starke Rolle spielen wird.

Religiös und konfessionell nicht zugeordnet seien in Deutschland heute 35 % der Bevölkerung. Huber: „Wir machen natürlich einen Fehler, wenn wir diese Präsenz der säkularen Option als Kirche meinen ignorieren zu können. Wir machen übrigens auch einen riesigen Fehler, wenn wir uns nicht klar machen, dass unter diesen 35 %, also unter diesen so gerechnet 25 Mio. Menschen, ganz bestimmt 6 oder 7 Mio. Menschen sind, die getauft sind und bleiben, aber im Laufe der Zeit aus dem einen oder anderen Grund die Kirche verlassen haben.“ Um diese Menschen müsse sich die Kirche kümmern und ihnen die Frage stellen: „Trifft der Grund, aus dem Du damals aus der Kirche ausgetreten bist, eigentlich Deine heutige Situation und Überzeugung noch?“ Die säkulare Option in der Gesellschaft hält der Kirchenmann für eine große Herausforderung. Die von ihm nüchtern beschriebene Situation solle nicht mit dem Argument als etwas nicht Änderbares hingestellt werden, indem man sage, es gehört doch einfach zur modernen Gesellschaft, dass die Menschen ihre Religionsgemeinschaften in größerem Maße verlassen. Das sei doch normal. Huber: „Nein, das ist nicht normal.“ Er machte deutlich, dass Deutschland sich im weltweiten Vergleich in einer ziemlich untypischen Situation befindet. Weltweit betrachtet gelte ohne jeden Zweifel, dass Religion ein Megathema des 21. Jahrhunderts sei. Das Christentum werde wachsen. Der Islam werde stärker wachsen, weil der Islam in Ländern mit hoher Geburtenrate besonders stark sei. Huber hält es für wichtig, zu wissen, dass für eine Form des christlichen Glaubens eingetreten werde, die den einzelnen Menschen im Gegenüber zu Gott sieht. Und die jedem die gleiche Würde und die gleichen Rechte anerkennt.

 

Versöhnte Verschiedenheit

Damit sei nicht gesagt, der Einzelne sei ein isoliertes Individuum. Das reformatorische Bild vom Menschen sehe den Menschen als ein Beziehungswesen. In der Beziehung zu Gott empfange er seinen Auftrag. In der Beziehung zum Nächsten mache er von seinen Gaben so einen Gebrauch, dass es dem Nächsten zugutekomme. In seiner Welt orientiere er sich durch Bildung. Und in all dem gewinne er auch ein Verhältnis zu sich selbst, werde ein verantwortliches, rechenschaftsfähiges Wesen, das von seiner Freiheit einen verantwortlichen Gebrauch mache.

Zum Schluss betonte er, die Ökumene nicht als uniformierte Einheit, sondern als versöhnte Verschiedenheit zu gestalten. Und auf die Weise auch mit der Differenz der Religionen so umzugehen, dass dadurch der gesellschaftliche Frieden gefördert wird.

Den musikalischen Rahmen gestalteten einige Musiker des Bach-Orchesters Siegen unter der Leitung von KMD Ulrich Stötzel.

Nach dem Vortag waren die Gäste eingeladen zu einem Imbiss sowie zu Gesprächen untereinander und dem Referenten ins benachbarte Gemeindezentrum, musikalisch begleitet von dem Pianisten Hartmut Sperl.

kp


Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)

Prof. Dr. Wolfang Huber zeigte in seinem anspruchsvollen Referat auf, was die reformatorische Gestalt des christlichen Glaubens heute zum friedlichen  Miteinander in einer pluralen Gesellschaft beitragen kann.


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