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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Wir brauchen einander
Evangelische Kirchengemeinde für die Menschen in Oberfischbach und Umgebung

26.03.2018 14:42

Wie kann die Evangelische Kirchengemeinde Oberfischbach auch in den nächsten Jahren Gemeinde für die Menschen im Ort sein?  Attraktiv, einladend, nutzbringend, mitgestaltend, sinnstiftend. Dieser Frage gingen etwa 60 Gemeindeglieder am vergangenen Freitagabend und den darauffolgenden Samstag (16./17. März 2018) im Ev. Gemeindezentrum Oberfischbach nach.

Und damit man nicht dem nachdenkt, was man immer schon denkt, hatte man sich auswärtige Gäste eingeladen, die kritische Fragen stellten, gelungene Projekte erläuterten und ihre Erfahrungen einbrachten.

Beispielsweise Pierre Scherwing, ein junger Mann, gebürtig aus Bautzen, ist für die Arbeit mit jungen Erwachsenen in der EC-Gemeinde Siegen zuständig. Er zeigte auf, was sich junge Erwachsene von einer christlichen Gemeinde wünschen. Um junge Erwachsene zu beheimaten bedürfe es neuer Formen der Gemeinde mit anderen Zeiten zusätzlich zum Gottesdienst. Ein solches Programm müsse Beziehungen ermöglichen. Junge Erwachsene wollten Zeit miteinander verbringen. Sie bräuchten Vorbilder und Begleitung, aber auch Freiraum zum Ausprobieren und für Selbstwirksamkeitserfahrungen.

Rüdiger Schlund, wohnhaft im Einzugsgebiet der Kirchengemeinde und Chefredakteur von Radio Siegen, warf einen kritischen Blick auf die Kirchengemeinde. Kirche werde nicht besonders wahrgenommen, so seine Beobachtung. Man störe sich aber auch nicht an ihr. Schlund: „Mir reicht das nicht.“ Er wünschte sich, dass Kirche sich stärker gesellschaftlich einmischt. Sie gehöre zur Meinungsbildung dazu. Zudem sei das christliche Menschenbild auch für diejenigen reizvoll, die nichts mit Glauben anzufangen wüssten. Er erhoffte sich Kirche hell, freundlich, historisch bewusst, modern, weltoffen und sendungsbewusst. Und das mit der Gewissheit, dass es sich lohne, die eigene Botschaft nach außen zu tragen.

In einer Diskussionsrunde mit Jugendreferent Bolko Mörschel, Methodistenpastor Markus Weber, Pierre Scherwing und Rüdiger Schlund fragte Karsten Schreiber danach, was Aufbrüche und Veränderung so schwierig mache. Scherwing: „Es fügen sich Dinge, wenn man losgeht.“ Es gebe nichts Schwierigeres, so Weber, als eine Kirchengemeinde zu verändern. Beheimatung und Verwurzelung gehöre zum Menschsein. Er berichtet von der Überraschungskirche in Siegen, die sich an Kinder und Erwachsene gleichermaßen richte und zunehmend von Menschen besucht werde, die nicht aus einem kirchlichen Milieu stammten. Kreativität, Gastfreundschaft und auch ein biblischer Impuls gehöre zum Programm. Für Mörschel ist Gebetsfrömmigkeit und Meinungsfestigkeit Kennzeichen etlicher Christen im Siegerland. Man lasse lieb Gewonnenes nicht gerne los. Veränderungen bräuchten eine Vision und einen langen Atem.

Stefan Piechottka, selbstständiger Gemeindeberater aus Marburg, gestaltete den Workshop am Samstag. Hier war Mitmachen angesagt. Piechottka machte deutlich, dass es die Gesellschaft ebenso wenig gebe wie die Gemeinde. Anhand der Sinus-Milieu-Studie 2010 zeigte er unterschiedliche Lebensverhältnisse und Einstellungen der Menschen in Deutschland auf. Die Milieus bestehen aus verschiedenen Lebensgefühlen, Einkommen, Kulturen, Werten oder Interessen. Maximal 2,5 von 10 Milieus würden von allen Gemeinden in Deutschland erreicht, so der Gemeindeberater.

Der Kirchengemeinde in Oberfischbach machte er deutlich, dass sie eine bunte Einheit aus Einzelchristen mit unterschiedlichen Ansichten seien. Die einen sind traditionsorientiert  verwurzelt und brauchen klare Regelungen. Vergleichbar mit Gärtnern, die genau wissen, wie was wann zu pflanzen und zu ernten ist. Veränderungen sind für solche Menschen schwierig. Andere wiederum sind eher mit Ingenieuren zu vergleichen. Sie sehen Probleme und suchen nach Lösungen. Sie nehmen veränderte Verhältnisse wahr und sind für neue Entwicklungen offen. Und dann sind da noch die Künstler, die immer wieder neu gestalten wollen. Für sie gibt es viele Wahrheiten, selbst wenn sie sich widersprechen. Alle diese Menschen mit unterschiedlichen Anteilen der Mentalitäten gibt es auch in den Gemeinden. Piechottka lenkte den Blick auf das Miteinander. Wie nimmt man sich wahr? Wie kann man sich ergänzen? Was schätzt man an den jeweils anderen?

In Diskussionsrunden wurden die unterschiedlichen Ansichten und Mentalitäten thematisiert. Deutlich wurde, dass jede dieser Kategorien, von denen es genau genommen nicht nur drei, sondern 60 bis 70 verschiedene gibt, in einer Gemeinde benötigt wird. Sie sollten entdeckt und verstanden werden, da sie zum Ausdruck des geistlichen Lebens einer Gemeinde gehören. Piechottka: „Seht euch nicht als Konkurrenz. Ihr braucht einander.“

Der Gemeindeberater betonte, dass das Milieu der bürgerlichen Mitte in den kommenden Jahren immer kleiner wird und sich eher zu einer Randgruppe entwickelt. Piechottka: „Wir werden einmal eine Minderheit sein.“ Daher gelte es jetzt zu überlegen, wie die Zukunft gestaltet werden könne. Neue Ideen seien gefragt. So habe beispielsweise eine Gemeinde eine Poststelle übernommen. Dort begegneten sich Menschen und kämen miteinander ins Gespräch. Er regte an, dem nachzudenken, was der Ort benötige und auf welche Bedürfnisse man als Kirchengemeinde eingehen könne?

Mit einer Hausaufgabe endete der Workshop. Der Gemeindeberater empfahl, einmal mit wachen Sinnen durch die Orte der Kirchengemeinde zu gehen und die Orte und Menschen bewusst wahrzunehmen. In einer Internetrecherche könnten Informationen zum Ort gesammelt und Statistiken ausgewertet werden.  Piechottka: „Rede mit anderen Menschen über den Ort. Fragt sie, was sie sich von der Kirche wünschen.“

kp

 

Text zum Bild: (Fotos Karlfried Petri)

Bild oben: Wie kann die Evangelische Kirchengemeinde Oberfischbach für die Menschen in den Ortschaften da sein? Gemeindeglieder suchten gemeinsam mit Gemeindeberater Stefan Piechottka nach Antworten.

 

Podiumsdiskussion

Im Bild v. Li.: Bolko Mörschel, Markus Weber, Karsten Schreiber, Pierre Scherwing und Rüdiger Schlund.

 

In Gruppengesprächen hörte man einander zu und lernte Neues kennen.

 

Einander wahrnehmen und wertschätzen.


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