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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Jahresempfang des Evangelischen Kirchenkreises Siegen
Von heil sein und geheilt sein

08.11.2018 14:21

Zum Evangelischen Kirchenkreis Siegen gehören zwei Krankenhäuser, Medizinische Versorgungszentren oder auch ambulante Pflegeeinrichtungen. Sich um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen zu kümmern, ist die vornehmste Aufgabe dieser Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Der Philosoph und Theologe Thomas von Aquin  (1225–1274) hat sich mit der Thematik beschäftigt und kam zu dem Schluss „Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung und sie gedeiht mit der Freude am Leben.“ Der Evangelische Kirchenkreis Siegen griff beim Jahresempfang am vergangenen Montag (5. November 2018) in der Evangelischen Talkirche Siegen-Geisweid dieses Thema auf. Etwa 140 Gäste aus Politik, Wirtschaft, gesellschaftlichen Gruppierungen, Schulen und Kirche hatten sich zu dem Jahresempfang angemeldet, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Superintendent Peter-Thomas Stuberg begrüßte die vielen Gäste herzlich. Stuberg: „Ich nehme unter den Menschen eine Sehnsucht nach einem unversehrten, gesunden Leben wahr. Die oberste Maxime bei vielen Menschen laute: Hauptsache gesund. Jeder versuche, das Leben so lange wie möglich gesund zu erhalten und zu optimieren. Dabei werde deutlich, dass Gesundheit ein relativer Begriff sei.“

 

Als Gastredner hatte der Theologe, Autor und Publizist Jürgen Mette, Marburg, sein Kommen zugesagt. Sein Thema lautete „Sehnsucht nach heilem Leben“. Der Theologe erzählte aus seinem Leben mit der Diagnose Parkinson, reflektiert auch im Umgang mit seinem christlichen Glauben.

 

Der Staat sorge für das Ganze. Vom Anfang bis zum Ende des Lebens. Es sei für alles gesorgt. Wofür, so der Referent, sei dann noch die Kirche zuständig? Was sei ihr Alleinstellungsmerkmal? Sie sei das Refugium für Gnade und Barmherzigkeit. Sie sei ein Erfahrungsort des Heils. Kirche sei diakonisch hingegeben für die Menschen.

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation sei Gesundheit die Abwesenheit von körperlicher und seelischer Störung. Dazu gehöre auch ein emotional zufriedenes Umfeld,  und dass man sich die wirtschaftlichen Folgen seiner Krankheit finanziell leisten könne. Seine persönliche Lebenseinstellung laute, der ist gesund, der zuversichtlich mit seiner seelischen und körperlichen Einschränkung leben kann. Mette erzählt von Erlebnissen mit seiner Erkrankung. Er habe als Jugendlicher einen Nachbarn mit dieser Erkrankung kennengelernt und gehofft, dass er von einer solchen Krankheit verschont bliebe. Als bei ihm die Diagnose Parkinson gestellt worden sei, habe ihm der diagnostizierende Arzt gesagt: „Herr Mette, jetzt hören Sie mal auf zu weinen. Sie sind Pastor. Sie müssen jetzt einmal das tun, was sie vorher jahrelang den Leuten gepredigt haben.“ Der Pastor musste zwangsläufig von der Außensicht zur Innensicht eines Betroffenen wechseln. Viele fromme Leute hätten ihn mit vielen gut gemeinten Ratschlägen angesprochen unter denen er gelitten habe. Die Frage, warum hat dieser Mensch Parkinson, helfe nicht weiter, sondern zermürbe. Der Diagnostiker habe ihm damals, vor neun Jahren, gesagt, er werde weiterhin seine Dienste wahrnehmen können und brauche den bevorstehenden Fernsehgottesdienst nicht abzusagen. Er werde weiterhin seine Berufung leben können. So sei es auch bisher gekommen.

Die wichtigste Frage, die der Mensch heute stelle, so der Theologe, sei die Theodizeefrage, die Frage warum Gott das Leid zulässt. Diese Frage könne die Kirche nicht beantworten. Gott sei ein verborgener Gott. Hier macht er deutlich, dass die Kirche sehr fragil, zerbrechlich und gefährdet sei. Sie habe einen Schatz nur in irdenen Gefäßen. Er habe erlebt, dass Gott ihn in und während seiner Krankheit in seiner Berufung gestärkt habe. In über 300 Veranstaltungen seit der Diagnose habe er davon erzählen können, dass heil sein wichtiger sei als geheilt zu sein. Heil sein meine den ganzen Menschen. Sein persönliches Heil sein bestehe darin, dass er von der Versöhnung lebe, von der Hoffnung lebe und geborgen sei in Gott. Während geheilt sein bedeute, dass eine Fehlfunktion im Leben überwunden worden sei, meine Heil sein jedoch den ganzen Menschen, die ganze Existenz vor Gott. Mette: „Ich kann heute wieder glauben, dass mein Leben noch die beste Zeit vor sich hat.“ Der Theologe gewährt einen Blick in seine persönliche Glaubensreflexion. Auf dem Weg zur Annahme seiner Situation hat ihm auch das Buch Hiob geholfen, durch das er sich verzweifelt von Seite zu Seite bemüht. Er sei zornig geworden, als die Hiobsgeschichte für Hiob so schön ausgegangen sei. Mette: „Dann beginnt man zu zweifeln. Mit dem Gott will man nichts zu tun haben.“ Wenn man das durchlitten habe und an die Grenzen seiner Glaubensfundamente komme, dann sei man bereit, in die tiefen Schichten dieses Hiobbuches vorzudringen. Bis an die Stelle, die Georg Friedrich Händel in seinem Werk „Der Messias“ mit dem kompaktesten Credo aller Zeiten vertont habe: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Mette: „Mit dieser Zuversicht und Freude kann ich leben.“ Er sei dankbar, dass er immer noch predigen und schreiben könne. Zurzeit entstehe sein fünftes Buch nach der Parkinson-Diagnose. Er finde Trost in der Barockmusik von Johann-Sebastian Bach und in den Versen von Paul Gerhardt. In aller Gelassenheit könne er heute sagen, heil sein ist wichtiger als geheilt sein.

 

Den musikalischen Rahmen gestaltete der Bläserkreis des Evangelischen Gymnasiums Weidenau unter der Leitung von Erhard Fries. Die Gespräche und Begegnungen im Gemeindezentrum mittendrin wurden von Klaus Zarmutek (Saxophon) und Friedhelm Weinbrenner (Piano)  zwischen den Ausstellungs-Roll Ups zur 200-jährigen Geschichte des Evangelischen Kirchenkreises Siegen mit Klaviermusik untermalt.

kp

 

Bild oben:

Eine chronisch sich verstärkende Krankheit mit zunehmenden Einschränkungen kann man annehmen und ein erfülltes Leben gestalten. Diese Erfahrung vermittelte Jürgen Mette auf dem Jahresempfang des Kirchenkreises Siegen.

Im Bild v. li. Superintendent Peter-Thomas Stuberg und Jürgen Mette. Foto Karlfried Petri


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