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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Leben mit Zweifeln und Widersprüchen
EFL Stiftung dankt Freunden und Förderern

04.11.2019 15:24

Er klingt nicht wie ein Prediger aus dem Alten Testament. Nein, der Schauspieler Markus Hering klingt wie ein moderner Mensch in einer tiefen Sinnkrise. Macht, Reichtum, schöne Frauen, Weisheit – alles vergeht. „Der Gebildete muss genauso sterben wie der Ungebildete“, stellt er fest. Guten Menschen geht es schlecht, schlechten geht es gut. „Alles ist Windhauch und ein Haschen nach Wind“, sagt Hering und: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ Worte, die dann doch erkennen lassen, dass der Schauspieler des Wiener Burgtheaters keinen modernen Text vorträgt, sondern das alttestamentarische Buch Kohelet, auch bekannt als Prediger.

Der in Siegen geborene Hering las den biblischen Text am Donnerstagabend auf Einladung der EFL Stiftung in der Villa Ruhfus in Siegen. Die EFL Stiftung und der EFL Fonds unter dem Dach der Bürgerstiftung Siegen unterstützen die Arbeit der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle (EFL) des Evangelischen Kirchenkreises Siegen. Mit dem Vortragsabend am Reformationstag wollten sie und die Beratungsstelle ihren Stiftern, Freunden und Förderern „Dank sagen für treue Wegbegleitung“, wie der Stiftungsvorstandsvorsitzende Gerd Doege sagte. Dafür wurde das Buch Kohelet gekürzt und Passagen aus verschiedenen Bibelübersetzungen kombiniert. „Vielleicht ist es etwas gewagt, einen alten biblischen Text in einem nicht-kirchlichen Raum zu lesen“, räumte Doege ein. Doch der Text sei ungebrochen aktuell: „Kohelet war einer, der Antwort suchte auf die zentralen Fragen des Lebens, ein Mensch auf der Suche nach irdischem Glück.“

Bild: V.l.n.r.: Stiftungsvorstandsvorsitzender Gerd Doege mit EFL-Leiterin Simone Weiß und Gisela Labenz, Vorstandsmitglied der EFL Stiftung.

 

Und damit hat der biblische Autor, dessen genaue Identität nicht bekannt ist, viel gemein mit den Menschen, die heute in der evangelischen Beratungsstelle Hilfe suchen. „Wir begegnen oft Themen wie Zerrissenheit und Ambivalenz und der Spannung zwischen Festhalten, Loslassen und Abschiednehmen“, berichtete Leiterin Simone Weiß. Die Fragen, mit denen Menschen kämen, beträfen alle Lebensbereiche von Schwangerschaft und Geburt bis zu Tod und Trauer – und allem dazwischen. In Siegen, Olpe und Bad Berleburg leisten die Mitarbeiterinnen der EFL psychologische Beratung für ratsuchende Menschen, Paare, Familien, Eltern und schwangere Frauen. Ihr Angebot ist unabhängig von Weltanschauung, Herkunft, Konfession, Familienstand und Alter.

Die Auseinandersetzung mit Zweifeln und Widersprüchen war es auch, die Markus Hering an Kohelet reizte. „Gradlinige Figuren sind eher langweilig“, sagte der Schauspieler, der schon mehrfach im „Tatort“ zu sehen war und zweimal mit dem Nestroy-Theaterpreis als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Kohlet sei ihm sympathisch, weil er ein Zweifler sei. „Er hält Widersprüche aus.“ Dazu passte auch die musikalische Umrahmung des Vortragsabends. Alexandra Obermeier und Adrià Cano Rocabayera von den Düsseldorfer Symphonikern setzten mit überwiegend beschwingten Werken von Ludwig van Beethoven für Klarinette und Cello musikalische Kontrapunkte zum schwermütigen Vortrag. Die Stücke hatte Klarinettistin Obermeier bewusst ausgewählt. Im Buch Kohelet betone der Autor, dass alle Menschen gleich schnell vergessen würden, egal, was sie geleistet hätten. „Bei Beethoven stimmt das nicht“, sagte Obermeier augenzwinkernd.

Bild: Alexandra Obermeier und Adrià Cano Rocabayera von den Düsseldorfer Symphonikern begleiteten den Abend musikalisch.

 

Und wenn Kohelet tatsächlich ein Mensch von heute wäre und in die EFL käme – was würde Leiterin Simone Weiß ihm raten? Zwar gehe es in der EFL weniger darum, Ratschläge zu geben, als Menschen zu helfen, ihren eigenen Weg im Leben zu finden, sagte Weiß auf die Frage des Stiftungsvorstandsvorsitzenden Gerd Doege. Eines wolle sie Kohelet dennoch mit auf den Weg geben, sagte Weiß: „Über 2000 Jahre später sitzen wir hier und hören seinen Text – vielleicht ist da ja doch etwas, das bleibt?“ Der biblische Autor kommt letztlich zu dem Schluss, dass das Glück darin besteht, alles Gute im Leben dankbar als Geschenk Gottes anzunehmen. „So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut“, empfiehlt er. Diesem Rat folgend klang der Abend in der Villa Ruhfus mit einer Käse- und Weinverköstigung mit Herrn Dr. Michael Mehlmann aus.

 

Bild oben: Der Schauspieler Markus Hering las aus dem biblischen Buch Kohelet.

 

Text und Fotos: Jasmin Maxwell-Klein


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