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200 Jahre Ev. Kirchenkreis Siegen


Die kirchenpolitische Situation
im Siegerland um 1800

Der Raum des heutigen Nordrhein-Westfalens war im Jahr 1800 bereits seit über zweihundert Jahren geopolitisch unverändert. Siegen befand sich zu diesem Zeitpunkt unter politischer Herrschaft des Hauses Nassau-Oraniens, das in den Niederlanden sowie in weiten Teilen der alten nassauischen Fürstentümer regierte. Im Norden grenzten das Herzogtum Westfalen und die Grafschaft Wittgenstein an, im Westen die Grafschaft Sayn und das Kurfürstentum Trier. Im Osten befand sich bereits die Landgrafschaft Hessen-Kassel, im Süden erstreckten sich die unzähligen Herzog- und Fürstentümer Badens und Württembergs.

Mitten hinein in diese zentraleuropäische „Kleinstaaterei“  mit über 300 Einzelstaaten brach in den ersten Jahren des noch jungen 19. Jahrhunderts Napoleon Bonaparte, selbst ernannter Kaiser der Franzosen. Unter seinen Kriegszügen gen Osten wurde die innereuropäische Landkarte vollkommen neu geordnet. Grundlage dafür war der Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803, nach welchem Napoleon bis 1812 „neue“ säkularisierte Herrschaftsgebiete installierte, die er im „Rheinbund“ zusammenfasste. Dessen neu eingesetzte Herrscher waren seinen diktatorischen Machtansprüchen loyal gesinnt. Im selben Zuge wurden die Kirchen und geistlichen Fürstentümer enteignet. Die weltlichen Fürsten, die im Zuge der Neuordnung Verluste erlitten hatten, wurden aus dem kirchlichen Vermögen heraus entschädigt.

Nachdem Napoleon mit seinen Truppen im Jahr 1806 auch die Siegener Gebiete erreicht hatte, kam es auch hier zu einer geopolitischen Neuordnung: Der hiesige Landesherr Fürst Wilhelm V. von Oranien wurde aufgrund seiner Weigerung dem Rheinbund beizutreten kurzerhand abgesetzt. Daraufhin wurde das Großherzogtum Berg als „Satelliten-Staat“ Napoleons gegründet. Es umfasste neben der Stadt Siegen und ihrem Umland auch westlich davon gelegene Gebiete bis zum Rhein und die nördlich gelegenen Regionen bis kurz vor Münster.

Nachdem Napoleons Kriege gegen die mittlerweile verbündeten restlichen europäischen Machthaber schließlich endgültig gescheitert waren (Völkerschlacht bei Leipzig 1813), kam erst mit der wiederholten geopolitischen Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress im Jahre 1815 Ruhe auf. Es erfolgte in diesem Zuge auch die Neuorganisation des westfälisch-nassauischen Raumes, der in Gänze als preußische Provinz Westfalen eingerichtet wurde und seine politische Verwaltung zunächst in Münster hatte. Am 29. Juli des Jahres 1815 um 16 Uhr fand im großen Sitzungssaal des Siegener Rathauses in einem feierlichen Akt die Übergabe der Stadt Siegen an Preußen statt.

 

Siegener Oberstadt mit Rathaus und Nikolaikirche.

 

Am 26. Oktober 1816 kamen weitere Siegerländer Ortschaften, darunter auch der Freie und der Hickengrund, unter die Herrschaft des preußischen Königs. Es entstand der Kreis Siegen.

 

NEUORGANISATION DES KIRCHENWESENS

Infolge dieser politischen Neustrukturierung musste auch in der neugeschaffenen Provinz Westfalen das Kirchenwesen neu organisiert werden. Friedrich Wilhelm III. von Preußen forderte in diesem Zusammenhang die Bildung einer Union, die lutherische und reformierte Christen innerhalb der einzelnen evangelischen Kirchengemeinden vereinen und zusammen in „kreiskirchlichen Zusammenschlüssen“ organisieren sollte. Es hatte bereits vorher das Amt eines Superintendenten/Inspektors gegeben, der als Gemeindepfarrer zusätzlich die Aufsicht über die umliegenden Kirchengemeinden zu führen hatte. Nun sollte jedoch ein rechtspolitischer Rahmen um dieses Amt herum geschaffen werden, der als „Kreissynode“ oder „Kreisgemeinde“ bezeichnet wurde. Deren Konzipierung in den preußischen Gebieten übernahm zunächst ein eigens dafür eingerichtetes Konsistorium, also eine staatliche Kirchenbehörde. Ziel dieser herrschaftlichen Forderung war die Gestaltung des kirchenpolitischen Raumes ähnlich des staatspolitischen.

 

Für das Siegerland sind aus einer statistischen Tabelle von 1817 folgenden Zahlen zur Konfessionsverteilung bekannt: In den Bürgermeistereien Siegen, Weidenau, Wilnsdorf, Netphen, Irmgarteichen, Hilchenbach, Ferndorf und Freudenberg gab es insgesamt 21 487 evangelische Personen und 5493 katholische. Die katholischen Einwohner siedelten vor allem in den heute immer noch als „Johannland“ bekannten Gebieten rund um Netphen und Irmgarteichen. Die übrigen Dörfer des Siegerlandes waren damals schon weitgehend evangelisch reformiert geprägt. „Der evangelisch lutherischen Religion sind nur wenige Einwohner zugethan“, heißt es in der Beschreibung zur oben genannten statistischen Tabelle. Die „Unierung“ zwischen Reformierten und Lutheranern durchzuführen, gestaltete sich deshalb im Siegerland, verglichen mit anderen Regionen in der Provinz Westfalen, sehr einfach.

Bereits im  Januar 1817 war die Einrichtung einer Kreissynode unter Leitung eines Superintendenten und einer übergeordneten General-Synode unter Leitung eines General-Superintendenten für alle nun entstandenen oder entstehenden kreiskirchlichen Gebiete in der preußischen Provinz angeordnet worden. Hier kam vor allem der herrschaftliche Wunsch nach einer einheitlichen kirchlichen Verwaltung zum Tragen. Im Juni 1817 war der „Entwurf der Synodal-Ordnung für den Kirchenverein beider evangelischen Confessionen im Preußischen Staate“  öffentlich bekannt gemacht worden, der nun auch für die Siegerländer Kirchengemeinden weitreichende Änderungen mit sich brachte.

Die evangelischen Siegerländer Kirchengemeinden sollten nun in ein einziges „kreiskirchliches Verwaltungsgebiet“ integriert werden, welches in seiner Konzipierungsentwicklung zunächst dem Konsistorium in Düsseldorf unter Aufsicht gestellt wurde, anschließend dem Konsistorium in Koblenz, von wo ein erneuter Wechsel unter das Konsistorium Arnsberg erfolgte, bis Minden am 28. Mai 1818 endgültig die kirchliche Aufsicht über das Siegerland erhielt.

mmü