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200 Jahre Ev. Kirchenkreis Siegen


 

Trennung von Staat und Kirche

Am 28. November 1918 dankte Kaiser Wilhelm II. ab. Damit verlor die Evangelische Kirche ihr staatliches Oberhaupt. Die Trennung von Staat und Kirche war eingeleitet.

Dem gingen turbulente und stürmische Zeiten sowie ein Erster Weltkrieg voraus. Die Folgen der Aufklärung und des Rationalismus machten sich im 17. Jahrhundert schon früh im staatsphilosophischen Denken aber auch in Kirchenordnungen bemerkbar.

Eine enge Verbindung zwischen Staat und Evangelischer Kirche war nach Napoleon wieder gegeben. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. war „summus episcopus“, also oberster Bischof und ging an die Neuordnung der evangelischen Kirche in seinem Herrschaftsgebiet.

Auch im Siegerland wurde an der zukünftigen Gestalt der westfälischen Provinzial-Kirche mitgearbeitet. Aber einen Beitrag zum Aufbau einer presbyterial-synodalen Ordnung hat es wohl nicht geleistet. Im Siegerland war man die Verwaltung durch ein Konsistorium gewöhnt. 1835 wird die rheinisch-westfälische Kirchenordnung eingeführt. Sie gab den Gemeinden mehr Rechte der Selbstverwaltung. Der Superintendent führte ein Doppelamt. Er war nicht nur gewählter Vertrauensmann der Kreissynode, sondern hatte auch „die Verordnungen der Behörde zur Ausführung zu bringen“.

1876 verkündigte der König von Preußen die General-Synodal-Ordnung als erste Kirchenverfassung für die preußische Landeskirche, der größten Landeskirche Deutschlands. Sie war zuvor von der Generalsynode entworfen worden.

1914 bis 1918 erschütterte der Erste Weltkrieg mit etwa 9 Millionen Toten und seinen verheerenden Folgen auch Preußen. Der Krieg hinterließ seine Spuren in den Siegerländer Kirchengemeinden. Glocken und Orgelpfeifen wurden beschlagnahmt zur Einschmelzung für Kriegszwecke.

 

Wilhelm II., letzter Deutscher Kaiser und König von Preußen.

 

EVANGELISCHE KIRCHE
OHNE STAATLICHES OBERHAUPT

Am 9. November 1918 machte der Reichskanzler Prinz Max von Baden amtlich bekannt: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Thron zu entsagen.“ Mit dem Thronverzicht Wilhelms II. verlor die evangelische Landeskirche ihr staatliches Oberhaupt. Die neue preußische Regierung erließ am 12. November einen „Aufruf an das preußische Volk“, in dem u. a. die Forderung nach Trennung von Kirche und Staat erhoben wurde. Zunächst gingen jedoch die Kirchenrechte des Königs auf drei von der Regierung zu bestimmende Staatsminister evangelischen Glaubens über. 1919 kam es mit der preußischen Staatsregierung zu einer Verständigung, nach der das landesherrliche Kirchenregiment und dessen Einsetzung durch die drei Staatsminister mit dem Zusammentreten der verfassungsgebenden Kirchenversammlung erlöschen sollte. Der Staat garantierte, dass die Kirchenversammlung die künftige Verfassung in völliger Freiheit vom Staate beschließen könne. Die außerordentliche Generalsynode erließ 1920 ein Gesetz, das die Übernahme der kirchlichen Rechte des Königs durch kirchliche Organe regelte. Der preußische Landtag stimmte dem Gesetz am 8. Juli 1920 zu. Da am 26. September 1920 die außerordentliche verfassungsgebende Kirchenversammlung zusammentrat, ging mit diesem Tage das Kirchenregiment von den drei Ministern und damit letzten Endes vom König auf die Kirche über. Das landesherrliche Kirchenregiment war damit für die preußische Kirche und somit auch für den Kirchenkreis Siegen beendet.

 

AUFBRUCHSSTIMMUNG

Die Reaktionen auf das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments waren unterschiedlich. Die meisten deutschen Protestanten sahen die Kirche in ihrer Substanz bedroht. Die westfälischen Synoden und Kirchengemeinden werteten die Situation anders. Die westfälische Provinzialsynode schrieb am 6. Dezember 1918 an die Presbyterien: „In dieser Zeit, in der das landesherrliche Kirchenregiment gefallen ist, und unsere evangelische Kirche in die schwersten Bedrängnisse geführt wurde, erinnern wir uns mit Stolz, daß unsere synodalen Überlieferungen älter sind als das Kirchenregiment.“ Diese „Ueberlieferunggen“ gelte es „jetzt hochzuhalten“. Denn diese Verfassung ruhe „seit der Väter Zeiten … auf der demokratischesten Grundlage, die sich denken läßt.“ Auf den Presbyterien, „von unten her“ müsse die Kirche nun gebaut werden. Der Gemeinschaftschrist und Synodale Walther Alfred Siebel brachte es auf den einfachen Punkt: „Los vom Staat! Das ist ein klares Gebot der Stunde für unsere Gemeinden.“ Auch die Siegener Synode diskutierte in ihrer Sitzung vom Oktober 1919 in einer Breite und Ausführlichkeit Kirchenordnungsfragen, die eher Aufbruchstimmung spiegelt als das allenthalben konstatierte Ende aller Hoffnungen. 

 

WEIMARER VERFASSUNG

Die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919 schrieb die Trennung von Staat und Kirche fest.

Artikel 137. Es besteht keine Staatskirche.

Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. Der Zusammenschluss von Religionsgemeinschaften innerhalb des Reichsgebiets unterliegt keinen Beschränkungen.

Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde. …..

Nach Artikel 140 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist Artikel 137 der Weimarer Verfassung Bestandteil des Grundgesetzes.

kp