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200 Jahre Ev. Kirchenkreis Siegen


 

Der evangelische Kirchenkreis Siegen
während der nationalsozialistischen Herrschaft

Die evangelische Kirche im Siegerland und Olper Raum hatte während der nationalsozialistischen Herrschaft 1933–1945 einer schweren äußeren und inneren Bedrohung standzuhalten. Einerseits suchte sich die evangelische Kirche gegenüber den Gleichschaltungsbestrebungen des nationalsozialistischen Staates und dessen totalen weltanschaulichen Geltungsanspruch zu behaupten. Andererseits führte sie einen Abwehrkampf gegenüber den Deutschen Christen, die christliche Glaubensinhalte mit den ideologischen Vorgaben der Nationalsozialisten verbanden und sich letzteren als Partner bei der Gestaltung der nationalsozialistischen Gesellschaft anboten. Darüber hinaus fand innerhalb der kirchlichen Opposition selbst eine scharfe Auseinandersetzung um die Grundlagen und den Weg der Bekennenden Kirche im „Dritten Reich“ statt.

Im Jahre 1932 zählte die Synode Siegen 19 Gemeinden (Burbach, Eiserfeld, Ferndorf, Freudenberg, Hilchenbach, Klafeld, Krombach, Müsen, Netphen, Neunkirchen, Niederdresselndorf, Niederschelden, Oberfischbach, Oberholzklau, Olpe, Rödgen, Siegen, Weidenau und Wilnsdorf) mit 105.392 Gliedern und 31 Pfarrstellen.

Die Tagung der Kreissynode vom 19. Juni 1933 in Müsen bestand aus 104 stimmberechtigten Mitgliedern, davon 31 Pfarrer, 66 Älteste und 7 Fachvertreter. Es war die letzte ordentliche Kreissynode im Kirchenkreis Siegen während der Zeit der NS-Herrschaft. Die Synode war geprägt von der Euphorie über den „nationalen Aufbruch“, der Diskussion um die kirchliche Neuordnung und die üblichen Geschäfte einer Kreissynodaltagung.

 

KIRCHLICHER WIDERSTAND

Zunächst begrüßte die Kreissynode Siegen – wie die Mehrheit der evangelischen Christen in ganz Deutschland – die nationalsozialistische Machtergreifung 1933. Doch bald wich die Euphorie einer wachsenden Ernüchterung. Es entstand kirchlicher Widerstand gegen die Gleichschaltung, das Führerprinzip, den Arierparagraphen sowie der Kritik am Alten Testament, an der paulinischen Rechtfertigungslehre und der biblischen Jesusgestalt.

 

BEKENNENDE KIRCHE

Neben der kirchlichen presbyterial-synodalen Ordnung und dem staatlichen Konsistorium wurde während des Kirchenkampfes von den Bekenntnisgemeinden eine Bekenntnissynode, die die Funktionen der früheren Kreissynode übernahm, und ein Bruderrat gebildet, der während der NS-Zeit sozusagen die Kirchengeschäfte führte.

Superintendent Albert Heider

Den Vorsitz hatte Superintendent Albert Heider. Das reformierte Bekenntnis und die damit verbundene presbyterial-synodale Ordnung, begründet mit dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, hatte für den kirchlichen Widerstand im Siegerland Grund legende Bedeutung. Die äußere Ordnung war für die Bekennende Kirche untrennbar mit dem Bekenntnis verbunden. Gestärkt wurde die Bekennende Kirche im Siegerland durch die Gemeinschaften, deren Mitglieder die Veranstaltungen der Bekennenden Kirche besuchten. Die Gemeinschaften legten jedoch Wert auf die eigene organisatorische Unabhängigkeit gegenüber der Bekennenden Kirche.

Die Zweite Freie Reformierte Synode tagte vom 26.–28. März 1935 in Siegen. Karl Barth predigte in der Nikolaikirche über das zweite Gebot.

Die wichtigste Bekenntnissynode fand am 26. Oktober 1938 statt. Sie befasste sich ausführlich mit dem Verhältnis zum NS-Staat. Im Blick auf zentrale Felder kirchlichen Wirkens (Schule, Erziehung, innere und äußere Mission, Sonntagsheiligung) forderte sie bleibende Geltung christlicher Normen und Werte ein. Diese Bekenntnissynode war im Kirchenkampf zentraler Ausdruck des kirchlichen Selbstbehauptungswillens im Siegerland während der NS-Zeit.

80% der erwachsenen evangelischen Bevölkerung im Siegerland gehörte der Bekennenden Kirche an. Diese Stärke führte zu einer gewissen Zurückhaltung staatlicher Behörden.

Die Deutschen Christen, eine Kreisgruppe Siegen mit einem Kreisobmann, waren im Kirchenkreis Siegen im Vergleich zu anderen Regionen nur schwach vertreten. Lediglich bis zu drei Pfarrer zählten sie in ihren Reihen. Nur mit staatlicher Unterstützung konnten sie erreichen, kirchliche Räume für ihre Veranstaltungen zu nutzen.

 

SUPERINTENDENTENWECHSEL

Superintendent Albert Heider, der Bekennenden Kirche zugehörig, trat am 30. September 1942 nach elfjähriger Amtszeit im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand. Die Pfarrer und Presbyterkonferenz als inoffizielle Vertretung des Kirchenkreises Siegen sprach sich am 6. Dezember 1941 mit 19 Pfarrern und 55 Ältesten einstimmig für Pfarrer Ernst Achenbach (Niederschelden) als neuen Superintendenten aus.

Superintendent Ernst Achenbach sen.

Nach längeren Verhandlungen erklärte sich das Konsistorium und der Evangelische Oberkirchenrat mit der Wahl einverstanden. Am 25. Oktober 1942 führte Präses D. Koch Achenbach in das Amt des Superintendenten ein. Insgesamt dauerte es jedoch drei Jahre, bis das Verfahren um die Bestellung endlich abgeschlossen war.

Der sonntägliche Gottesdienst war der Ort, wo sich die christliche Gemeinde im Hören der Predigt und der Feier des Abendmahls sichtbar festmachen ließ. Die große Resonanz, die der Gottesdienst bei der Bevölkerung fand, war den Machthabern stets ein Dorn im Auge. Die sonntäglichen Gottesdienste dienten auch der Aufrichtung einer Gegenwelt gegenüber der ideologischen Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus.

Während der Kriegsjahre war das kirchliche Leben weiteren Einschränkungen unterworfen, zumal etliche Pfarrer zum Kriegsdienst eingezogen wurden.

„Der Kirchenkreis erwies sich daher gerade in den Auseinandersetzungen des Kirchenkampfes als Ebene, auf der sich kirchliche Identität und gemeindliche Solidarität manifestierten.“ (Volker Heinrich)

Die erste Tagung der Kreissynode nach der NS-Herrschaft und dem Zweiten Weltkrieg fand am 5. September 1945 statt.

kp