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200 Jahre Ev. Kirchenkreis Siegen


 

Der Kirchenkreis Siegen in den Nachkriegsjahren
Erinnerungen von Lotte Achenbach

Lotte Achenbach ist die Schwester des ehemaligen Superintendenten Ernst Achenbach junior (1978 – 1995) und die Tochter des ehemaligen Superintendenten Ernst Achenbach senior (1942 – 1967). Sie hat als junges Mädchen die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt. In dieser Zeit existierte kein Gebäude, das den Kirchenkreis Siegen beheimaten konnte. Somit hat ihr Vater als Superintendent das Pfarrhaus Niederschelden, ihr Elternhaus, zur Verfügung gestellt. In der Kirchstraße 10 auf dem Kirchberg in Niederschelden fand damals sozusagen Kirchenkreis statt. Davon hat uns Lotte Achenbach in einem Interview erzählt.

Lotte Achenbach: Das Erste woran ich mich erinnere sind nur wenige aber entscheidende Worte meines Vaters Ende 1941: „Ich habe doch angenommen“. Es ging dabei um das Amt des Superintendenten. Mit diesen Worten kam er aus seinem Studierzimmer zu meiner Tante, seiner jüngsten Schwester, die nach dem frühen Tod unserer Mutter im Oktober des gleichen Jahres, mit ihren zwei kleinen Kindern bei uns lebte und den Haushalt führte. Ihr Mann war Soldat. Ich spürte mit meinen damals sieben Jahren, dass meinem Vater der Entschluss nicht leicht gefallen war. Später wurde mir klar, welch große Kraft er aufgebracht hat, trotz seiner persönlichen Trauer für uns Kindern da zu sein und das neue Amt in den schwierigen Zeiten des Kirchenkampfes zu übernehmen. Es muss Ende 1942 gewesen sein, als die erste Sekretärin dann ins Haus kam. Im Dachgeschoss wurde ein Stück vom Speicher als Büro für Frau Kupfernagel ausgebaut. Im Frühjahr 1943 heiratete unser Vater wieder. Auf diesem Foto ist auch Frau Kupfernagel zu sehen. Morgens ging sie mit energischem Schritt die Treppe hoch ins zweite Stockwerk. An näheren Kontakt zu ihr kann ich mich nicht erinnern. Eins weiß ich aber noch. Es war im März 1945, als unsere älteste Schwester Gertrud konfirmiert wurde. Frau Kupfernagel hat beim nachmittäglichen Kaffeetrinken mit am Tisch gesessen. Es war die Zeit, als Niederschelden unter Beschuss stand. Der Konfirmationsgottesdienst musste morgens um 6 Uhr stattfinden, weil es zu dieser Tageszeit selten Kampfhandlungen gab. Es mag an diesem Tag gewesen sein, als unser Vater und mein älterer Bruder Ernst wegen Stromausfall in den Kirchturm steigen mussten, um die Glocken am vorhandenen Strick mit der Hand zu läuten. Ich weiß auch noch, dass mein Bruder sich in der Nazizeit als Bote bewährt hatte um den Pfarrbrüdern der Synode Nachrichten zu bringen, die der Gestapo nicht in die Hände fallen sollten. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad, das war für ihn kein Problem. Frau Kupfernagel wird etwa bis 1947 da gewesen sein. Ihre Nachfolgerin wurde Frau Marta Mengel aus Niederschelderhütte. Gegenüber des Büros im Dachgeschoss in unserem eigentlichen Gästezimmer wohnte seit 1943 auch Frau Nowak mit ihren zwei Kindern. Sie wurde uns aus dem ausgebombten Ruhrgebiet zugewiesen. Unser Vater gehörte auch zu den Einwohnern von Niederschelden und Niederschelderhütte, die am Bahnhof zu erscheinen hatten, um jeweils eine Familie in Empfang zu nehmen. Ich sehe es noch vor mir, als er Frau Nowak mit ihren zwei kleinen Kindern, drei und fünf Jahre alt, mit nach Hause brachte. Auch als Herr Nowak aus dem Krieg zurückkam blieb die Familie oben wohnen, später in zwei Zimmern. Sie haben bis Mitte der sechziger Jahre im Pfarrhaus gelebt, also während all der Jahre und darüber hinaus, in denen das Synodalbüro im Haus war.

Miriam Müller-Schewtschuk: Können Sie sich denn noch genauer an die Wahl Ihres Vaters zum Superintendenten erinnern? Ihr Vater war ja Mitglied der Bekennenden Kirche und die Deutschen Christen haben die Wahl ja anfechten wollen.

 

Lotte Achenbach: Nein, ich kann mich nur erinnern, dass mir die „Bekennende Kirche“ und „Deutsche Christen“ schon Begriffe waren, davon wurde öfter gesprochen. Zum Zeitpunkt der Wahl war ich erst acht Jahre alt.

Miriam Müller-Schewtschuk: Man weiß ja, dass Ihr Vater auch von der Gestapo beobachtet wurde weil er eben der Bekennenden Kirche angehörte. Können Sie sich daran erinnern?

 

Lotte Achenbach: Ich weiß aus Erzählungen unserer Mutter dass die Gestapo öfters in den Gottesdiensten meines Vaters zugegen war, so auch an einem Sonntag 1937 als sie die Kollekte abgreifen wollten. Mein Vater hatte in Voraussicht mit dem diensthabenden Presbyter abgesprochen, das Geld sofort verschwinden zu lassen. Als die Gestapo das erfuhr, haben sie ihn in Siegen verhört und ins Gefängnis gebracht. Mein Vater hatte es dem damaligen Amtmann namens Richter zu verdanken, dass er bald wieder frei kam und nicht länger als zwei Tage und zwei Nächte festgehalten wurde. Er selbst hat uns Kindern aber nie davon erzählt. In dieser Hinsicht war er sehr zurückhaltend. Das merkte man auch „im Dorf“, wie wir immer sagten, also in Niederschelden. Da war und blieb er immer der gern gesehene „Pastor Achenbach“. Dass er auch Superintendent war, das wussten die Leute, aber sie haben es nicht in erster Linie wahrgenommen. Er blieb immer „unser Pastor Achenbach“. Die Gemeindearbeit war ihm wichtig, und auch den Konfirmandenunterricht hat er bis zu seiner Pensionierung im Wechsel mit dem Synodalvikar gehalten sowie die Arbeit im Jungmädchenkreis oder die Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften. Wenn unser Vater am Schreibtisch saß, sagten wir: „Vater muss arbeiten.“ Meine jüngere Schwester, als sie noch ein kleines Mädchen war, fragte ihn eines Tages „Vater, musst Du arbeiten oder hast Du eine Sitzung?“.

 

Superintendent Ernst Achenbach (1942-1967)

 

Miriam Müller-Schewtschuk: Und welche Ämter gab es sonst noch? Wer war noch im Pfarrhaus in Niederschelden?

 

Lotte Achenbach: Da waren während des Krieges nur unser Vater und die Sekretärin, sonst niemand. Erst 1946, wie ich meine, kam ein Synodalvikar dazu. Unter den Kriegsheimkehrern waren auch Theologen, denen noch die Vikariatszeit fehlte. Ich kann mich an einen Pastor Heinrich erinnern. Er hatte schon Familie und wohnte im Wittgenstein. Wie er jeden Morgen nach Niederschelden kam, weiß ich nicht. Es war die „knappe Zeit“, die Hungerszeit nach dem Krieg. Trotz unseres großen Gartens konnten wir ihn nicht jeden Tag mitbewirten. Also brachte er eine Aluminiumdose mit, in der sein Mittagessen war. Diese Dose gab er in der Küche ab, wo sie mittags im Wasserbad gewärmt wurde. Gegessen wurde in der Küche. Wir Kinder deckten immer den Tisch und zum Mittagessen stand dann die Dose vor ihm. Es war immer spannend zu sehen, was er mitgebracht hatte. Es gab außerdem einen großen Vorlegelöffel. Einmal haben meine jüngere Schwester und ich uns einen Spaß erlaubt und diesen großen Vorlegelöffel an seinen Platz gelegt. Gespannt haben wir gewartet, ob er ihn zum Essen benutzen würde. Und tatsächlich, er hat damit gegessen und nicht gemerkt oder es sich nicht anmerken lassen, dass sein Löffel zum Essen eigentlich zu groß  war. Meine Schwester und ich hatten unseren heimlichen Spaß. Sein Nachfolger wird Fritz Achenbach gewesen sein, der später Pastor in Neunkirchen war. Er stammte aus der Bäckerei Achenbach in Eiserfeld und hatte hin und wieder morgens ein Brot unter dem Arm, etwas wirklich Kostbares in der ersten Nachkriegszeit. Unserer noch kleinen Schwester hatte er beigebracht, „Onkel Fritz“ zu sagen. Sein Nachfolger war Adolf Röhrig, soweit ich mich erinnere. Er lernte in Gosenbach seine spätere Frau kennen. Der Ort gehörte damals mit zu Niederschelderhütte und damit zum Pfarrbezirk meines Vaters. In unserem Esszimmer stand ein kleiner Schreibtisch, ein Familienerbstück, das heute in meiner Wohnung steht. Dort konnten die Vikare ihre schriftlichen Arbeiten erledigen. Auch Pastor Meyer hat anfangs dort noch gesessen, der Vater von Pfarrer Christoph Meyer. Gleichzeitig war dieses Zimmer Warteraum für dienstlichen Besuch meines Vaters und wenn „Tippelbrüder“ an der Haustüre klingelten und etwas zu essen bekamen, saßen sie auch dort. Der Familienesstisch stand in der Küche. Privater oder dienstlicher Besuch aß auch dort zusammen mit der großen Familie und Schulaufgaben wurden ebenso in der Küche gemacht.

Der Schreibtisch aus dem Büro.

Das Arbeitszimmer unseres Vaters, das bei uns immer „Studierzimmer“ hieß, lag im ersten Stock. 1946 fand der Umzug ins Erdgeschoss statt, in unser bisheriges Spielzimmer, das es dann nicht mehr gab. Neben dem Studierzimmer im Erdgeschoss war unser Wohnzimmer mit dem wir dann in den ersten Stock nach oben zogen. Frau Stein, die erste Gemeindehelferin, brauchte nämlich eine Unterkunft, die sie im frei gewordenen Wohnzimmer fand. Einige Jahre hat sie dort gelebt. Ihr nötiges Wasser hatte sie in unserer Küche. 1949 oder 1959, jedenfalls nach der Währungsreform, kam Herr Neuser als Synodalrechner dazu. Die Gemeindehelferin war ausgezogen. Sie hatte eine Wohnung im Ort finden können, denn die Wohnungsnot war nicht mehr ganz so groß. Das Büro zog vom Dachgeschoss zwei Stockwerke tiefer ins Erdgeschoss ins ehemalige Wohnzimmer. Meine jüngste Schwester Hede kann sich erinnern, dass sie beim Umzug auch Akten geschleppt hat mit ihren sechs Jahren. Das Büro war also etwa ab 1950 neben dem Studierzimmer des Superintendenten, denn nur dort gab es ein Telefon. Die Rufnummer 1302 habe ich bis heute nicht vergessen. Auch gab es nur eine Toilette für alle, die im Hause wohnten, arbeiteten oder zu Besuch kamen, dienstlich wie privat.

 

Miriam Müller-Schewtschuk: Wie war das neue Büro denn eingerichtet?

 

Lotte Achenbach: Der Schreibtisch der Sekretärin war mit umgezogen, ebenso der Aktenschrank, vielleicht auch noch ein Schränkchen oder Tischchen. Für Herrn Neuser kam dann wohl ein Schreibtisch hinzu.

 

Miriam Müller-Schewtschuk: Wie lief dann ein typischer Arbeitstag ab?

 

Lotte Achenbach: Morgens kam Herr Neuser aus Wilnsdorf mit dem Bus und Frau Mengel aus Niederschelderhütte zu Fuß. Nachfolgerinnen von Frau Mengel wurden Frau Bamberger aus Gosenbach und anschließend Frau Kölsch, die wahrscheinlich den Umzug nach Siegen mitgemacht hat. Wir hatten auf dem Gymnasium immer eine Woche vormittags und eine Woche nachmittags Unterricht, also haben wir vom Tagesablauf, was das Büro betrifft, auch immer etwas mitbekommen.

Das Pfarrhaus in Niederschelden.

Wenn es an der Haustüre klingelte, machten wir Kinder meist die Türe auf. Es konnten dienstliche oder private Besucher sein, ich kann mich dabei an keine Schwierigkeiten erinnern. Und wenn die Blumen auf der Fensterbank im Büro gegossen werden mussten, kam Frau Mengel mit ihren Gießkännchen in die Küche und holte Wasser. Auch andere Kleinigkeiten wurden in der Küche erfragt, zum Beispiel Streichhölzer von Gert Mudersbach, der sein erstes Verwaltungslehrjahr bei Herrn Neuser noch in Niederschelden verbrachte.

Miriam Müller-Schewtschuk: Erinnern Sie sich noch an eine andere Begebenheit oder vielleicht an eine Anekdote aus der Zeit, in der der Kirchenkreis sozusagen bei Ihnen im Wohnzimmer stattfand?

 

Lotte Achenbach: Ich weiß, dass unser jüngster Bruder, anfangs noch nicht im Schulalter, sich für manche Dinge im Büro sehr interessierte. Zum Beispiel gab es eine Kopiermaschine mit einer Kurbel. Diese Kurbel war für ihn ein besonderer Anziehungspunkt. Er schlich sich dann schon mal aus der Küche in das Büro und fragte, ob er mal kurbeln dürfte. Und dann hatte Herr Neuser auf seinem Schreibtisch auch allerlei stehen, unter anderem eine Dose mit Klebstoff. Mein Bruder fragte mit seinen drei Jahren, ob er mal den „Gebe“ haben dürfte. Herr Neuser kam nicht dahinter, was unser Eberhard wollte und antwortete schließlich: „Junge, ich verstehe dich nicht, nimm dir, was du brauchst“. Das Zurückbringen war selbstverständlich. Etwas anderes ist mir noch eingefallen und betrifft den damaligen Oberkirchenrat Brandes  vom Landeskirchenamt in Bielefeld. Es muss 1947 gewesen sein. Oberkirchenrat Brandes musste das reformierte Siegerland besuchen und selbstverständlich den Superintendenten in Niederschelden. Aber wie sollte er dort hinkommen? Die Zugverbindungen waren schlecht und ein Auto nicht vorhanden. Ein junger Pastor hatte allerdings ein Motorrad und so fuhr der Oberkirchenrat auf dem Sozius nach Niederschelden, quer durchs Sauerland. Die Fahrt muss zum größten Teil über unbefestigte Straßen, durch Dörfer mit Kopfsteinpflaster, Berge rauf und runter gegangen sein. Auf einem Motorrad jener Zeit  der reinste Horror. Es war ein schöner Sommertag und wir Kinder waren im Garten, hörten das Motorrad und liefen zum Gartentor. Tatsächlich, der Oberkirchenrat stieg ab, schleppte sich mit letzter Kraft bis zur Haustürtreppe und ließ sich auf die unterste Stufe niedersinken. Noch heute sehe ich dieses jammervolle Bild vor mir. Später beim Abendessen am Familientisch stützte er mit Ellbogen auf dem Tisch seinen Kopf in beide Hände. So etwas war bei uns natürlich nicht erlaubt. Die jüngste Schwester aber mit ihren drei Jahren machte das zu unserer großen Freude später nach, mit der Bemerkung: „Ich bin der Oberkirchenrat“.

1961 konnte das Synodalbüro dann nach Siegen umziehen. Mehr als zehn Jahre Niederschelden im Pfarrhaus waren vorbei. Vor allem für unsere Mutter begann eine ruhigere Zeit. Wir älteren Geschwister waren, teils schon länger, nicht mehr im Haus. Gertrud und Ernst waren im Beruf und verheiratet. Ich, Lotte, machte eine weitere Ausbildung. Meine jüngere Schwester Ilse war im Studium. Die beiden Jüngsten, Hede und Eberhard, gingen in Siegen zum Gymnasium. Wie unsere Mutter all die oft äußerst schwierigen Gegebenheiten im und nach dem Krieg bewältigt hat, ist schwer zu sagen. Aus heutiger Sicht kann ich das nur dankbar bewundern.