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Auf den Spuren des Glaubens an Jesus Christus

Predigt am 2. Juni 2019 in der Nikolaikirche in Siegen

 

Text: Philipper 2, 5-11

 

Auf Jesu Spuren!? – Meine Frau und ich fahren in einem klapprigen japanischen Kleinbus von Jerusalem nach Bethlehem. Unser Fahrer ist ein junger Familienvater von 5 Kindern. Er heißt Basan und er ist Moslem. Es ist ihm eine große Ehre, uns zu der Geburtsstätte Jesu nach Bethlehem zu bringen. Unseren jüdischen Gastgebern wäre es nicht geraten sich im Gebiet der Palästinenser  mit uns aufzuhalten. In Bethlehem angekommen führt er uns in die Geburtskirche und erklärt uns mit großem Ernst, dass hier an dieser Stelle Jesus geboren wurde. Ich spüre, wie großartig dieser Augenblick ist: ein Moslem zeigt uns Christen buschstäblich die Wiege unserer Religion. Trotz aller menschlichen Berührung fehlt es dennoch an einem: ein heiliger Schauer will nicht so recht an diesem Ort aufkommen. Der stellt sich auch nicht ein, als Basan uns auf die Anhöhe führt, auf der die Engel den Hirten die wundersame Geburt des Erlösers angekündigt haben sollen. Diese Geschichte erzählt uns Basan – äußerst bibelkundig – unter dem Wellblechdach einer Zisterne. Wir sitzen im Schatten auf Plastikstühlen und über uns leuchtet eine weihnachtliche Lichterkette im Juni. Blinkend verkündet sie: GLORY TO GOD. Auch hier will sich noch kein heiliger Schauer einstellen – wohl aber ein unbeschreibliches Gefühl von Dankbarkeit, von menschlicher Nähe zwischen verschiedenen  Glaubenden und das großartige Erlebnis einer von Herzen kommenden Gastfreundschaft, die uns dieser wunderbare Mensch zuteil werden lässt. Bei aller Profanität dieses Ortes geht dieser Moment zu Herzen. Ein tiefer Friede liegt über ihm unterm Wellblech. Man hört sie gewissermaßen doch vom Himmel herunter singen, die Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“. Jesus könnte hier geboren worden  sein, aber seine Spuren sind nicht zwischen den Steinen, auf verbranntem Gras oder in trockener Heidelandschaft sichtbar. Er wird natürlich am See Genezareth gewesen sein und in Jerusalem der heiligen Stadt. Aber fasst man auch nur einen Stein an, den er betreten oder berührt haben könnte, so verflüchtigt sich der reale Nazarener Jesus schnell im Profanen. Aber im Glauben, im inwendigen Schauen, kommt man dem Christus der Bibel jedoch gerade hier näher. Sucht man seine Wirklichkeit, also seine historische Realität und sei es noch so inbrünstig, so stellt sich ein fahler, fast banaler Geschmack ein. Spuren von ihm – nein! Aber Spurenelemente von Jesus dem Christus – jawohl! Sie sind über das ganze Land verteilt. In seiner gleißenden Hitze, in Gerüchen und Geräuschen, in der mystischen Stille am See Genezareth, im Geschmack des Weines, der herben Oliven und Fladenbrote, in Datteln, Feigen und grätenreichen Fischen, im Staub der Wege und im Schatten der Palmen… Es ist konkret dieses Land Israel, wo Jesus von Nazareth konkret runde 33 Jahre auf dieser Welt war. Auch wenn seine Wirklichkeit, seine Körperlichkeit nur noch in solchen Spurenelementen zu finden ist, so schadet diese Lücke doch seiner Wahrheit nicht. Im Gegenteil! Die Spurensuche nach ihm muss eine andere Richtung nehmen, als sie in Tüchern, Kreuzsplittern oder einem heiligen Gral vergeblich zu suchen wären. Seine Spuren führen von außen nach innen! Er will gerade nicht objektiviert werden, wissenschaftlich beweisbar gar, sondern er erweist sein Dasein IN UNS. Wie? Wenn wir die Texte aufmerksam verinnerlichen, die von ihm zeugen. Heute in dieser Predigt ein Lied über ihn. Wie eine Art Nationalhymne liest sich der Abschnitt aus dem Philliperbrief des Paulus. Das Lied verdichtet auf die kompakteste Form, was von Jesus Christus zu sagen ist. Die ersten Christen haben es vermutlich als ihre Identitätshymne gesungen so wie es heute Fußballfans im Stadion tun. Im Singen durchdringen Sie bekennend und bezeugend, wer Christus für sie ist. Zwei Bewegungen und eine tiefe Berührung hat das Lied: von ganz weit vor unserer Zeit steigt er hinab, berührt unseren Tod durch sein eigenes Erleiden und fährt den Tod überwindend wieder hinauf zu dem ewigen Gott im Himmel. Aber zwischen diesen beiden Sphären von Himmel und Erde liegt quasi ein Quantensprung. Es ist so als wollte ein Fisch zu verstehen versuchen, wie sich die freie luftige Welt eines Vogels anfühlt. Darum spekuliert das Jesuslied darüber, was einmal war und was einmal kommt, über die Spähre des Vogels also aus der Sicht eines Fisches quasi. Jesus war in der Sphäre Gottes und geht dahin zurück. Aber diese himmlische Sphäre bleibt uns hier verschlossen wie die Vogelwelt dem Fisch. Und doch geschieht eine unglaubliche Bewegung: sie führt herab in unsere „Unterwasserwelt“. Jesus bleibt nicht in himmlischer Komfortzone sondern begibt sich in unsere Welt des Schmerzes und der Sterblichkeit. Er schlüpft in die Gestalt eines geknechteten Menschen.

In dem Film von Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ tut das ein Engel. Der stürzt herab und bewegt sich danach flügellos unter den Menschen der Großstadt, blutend vom Fallen und  endlich wissend wie Blut schmeckt. Und er sagt den entscheiden Satz: „ Jetzt begreife ich einiges“ Aber weit mehr als der Engel Demian im Film betritt Jesus unsere „Unterwasserwelt“. Ohne Dach überm Kopf oder Geld in der Tasche. Hat nur sich und seine Kleider am Leibe, verlässt sich darauf, dass Gott für ihn sorgt wie er für Vögel und Lilien auf dem Feld sorgt. Jeder Tag, jeder Seesturm, jede Begegnung, jedes Gleichnis aus seinem Munde – in jedem Moment mit diesem Jesus leuchtet Gott selber auf. Vollkommen gegenwärtig – mehr geht nicht! Wollten wir uns ganz auf ihn einlassen, brächte es unsere Gewohnheiten und Ordnungen komplett durcheinander: wir müssten aufhören, andere auszugrenzen, würden mit ihnen essen und trinken. Wir ließen uns fallen in ein blindes Vertrauen, dass unsere Zeit in Gottes Händen steht, der uns leben lässt und erhält. Wir fürchteten nicht einmal mehr die materielle Armut, sondern wüssten bei allem äußeren Mangel uns  innerlich reich! Irgendwie lebten wir mehr im Einklang mit uns, mit der Natur, mit Gott! Jesus ungefiltert auszuhalten, muss schwierig gewesen sein und doch zutiefst beglückend. Er war in dieser Welt so fremd und doch so echt, so im Eigentlichen, so IN GOTT. Darum wohl musste er weg. Er war ein Fremdkörper aus Liebe, Vertrauen und Wesentlichkeit. So dass wir ihm gegenüber fremd bleiben, in Fremdheit, im Uneigentlichen leben. So wurde er „legal“ zum Verbrecher gestempelt, der die Todesstrafe erleiden musste. Paulus betont: er war gehorsam – sogar bis zum Tod am Kreuz. Also eingewilligt hat er. ER hat „JA“ gesagt und gerade so jede Sekunde auf diesem Tötungsweg seine innere Freiheit behalten. Er blieb in einer Freiheit, die auch das Schreckliche überwindet in dem er in das Schreckliche einwilligt. „Ja – um Euretwillen! Für Euch willige ich ein und das Böse läuft sich tot an mir!“  An dieser Stelle des Jesusliedes angekommen, spüren wir die ungeheure Kraft dieser Worte. Sie zeigen den inneren Antrieb für Jesu Herabkommen – es ist unbegreiflich und nicht in Worte zu fassen! Es ist die Bewegung seiner Liebe auf uns zu! Liebe heißt Beziehung. Er liebt sich auf uns zu. So legt er eine Spur bei uns in mich und dich HINEIN. Er wird wahr in uns und deshalb auch wirklich. Er wirkt! Er trägt Gott in unser Leben hinein.

Hier dürfen wir nicht zu vollmundig werden. Für Viele bleibt der Gekreuzigte ja ein erheblicher Stein des Anstoßes. Ein zu Tode Gefolterter als Herzstück des christlichen Glaubens? Sie fordern sein Bild zu entfernen aus Gerichtssälen und Klassenzimmern hinein ins stille Kämmerlein. Warum ist er aber trotzdem unverzichtbar?

Die Kreuzigung ist die wahrhaftigste Begegnung Gottes mit uns. Ein Widerfahrnis ohne unsere Macht, ohne Hilfe, ohne Handlungsspielräume. Ein Mensch an der äußersten Grenze! Es geschieht kein Wunder als er durstig verstirbt. Niemand steigt aus dem Himmel, als er sein Leben aushauchen muss. Gerade so kommt  er uns am nächsten; hier weiß er  gewissermaßen, wie Blut schmeckt. Und genau hier bezeugt die Bibel: seine Liebe zu uns bewahrheitet sich genau hier. Hier beglaubigt er sie. Kommt das aber an? Wirkt das?

Ich wurde nachts einmal als Pfarrer vom Krankenhaus angerufen. Gleich käme ein schwerverletzter Jugendlicher, der einen Unfall hatte. Wahrscheinlich überlebt er nicht mehr den Transport ins Krankenhaus. Aber gleich kämen die Eltern dorthin…. Ich vergesse nie mehr den durchdringenden Schrei der Mutter, als ihr Junge tot aus dem Rettungswagen getragen wurde. Er hallte durch alle Krankenhausflure und kam aus tiefster Verzweiflung.  Hier wird man persönlich gefordert und man kann nur still beten, dass Gott dieses grausame Vakuum irgendwie erfüllen möge. Aushalten, schweigen, weinen – das sind dann oft die einzigen Zeichen von versuchter und tapsiger Nähe. Im Morgengrauen  beim Nachhausegehen fragt mich die Schwester an der Rezeption: „Wie kann man das eigentlich aushalten?“ Ich konnte auch nur mit den Schultern zucken und dabei fällt mein Blick auf das hölzerne Kruzifix hinter ihr. Selbst noch ganz benommen, zucke ich erst mit den Schultern und zeige dann still mit dem Finger auf IHN! ER hängt in diesem Vakuum aus Schmerz und Verzweiflung. Und irgendwie erfüllt er es – weiß Gott wie – mit sich selbst! ER ist da trotz allem! Und  nur darum kann man – wahrhaftig – weiter an Gott glauben. ER macht es in uns möglich -  nicht wir! Amen.

Peter-Thomas Stuberg

Superintendent