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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Ein Ort für "religiös Obdachlose"
ZdK-Präsident Sternberg in Pfarrkonferenz

01.07.2021 15:06

Kirche muss nach Ansicht von Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Ansprechpartner für „religiös Obdachlose“ sein. Das seien Menschen, die zum Großteil nie Kontakt zur Kirche gehabt hätten, aber auf der Suche nach einem Lebenssinn seien, sagte Sternberg, der am Mittwoch zu Gast in der ökumenischen Pfarrkonferenz des Evangelischen Kirchenkreises Siegen und des katholischen Dekanats Siegen in der St. Martinus-Kirche in Wilnsdorf war. „Einer der Problempunkte, mit denen wir uns beschäftigen müssen, ist, dass in unserer Gesellschaft die Menschen mehr werden, die gar keinen Bezug zu Religion haben.“ Die Kirche müsse sich selbstkritisch fragen, ob sie diese „religiös obdachlosen“ Menschen im Blick habe. Mit Blick auf gesellschaftliche Phänomene wie den Zwang zur Selbstoptimierung habe die Kirche nämlich eine wichtige Botschaft: „Du bist geliebt, unabhängig von diesen Kategorien.“

Sternberg war in der einmal jährlich stattfindenden ökumenischen Pfarrkonferenz eingeladen, über das Thema „Schau hin! – Kirche quo vadis? – Ökumenisch, digital, synodal“ zu sprechen. „Ein Thema, das uns in beiden Kirchen beschäftigt“, betonte Superintendent Peter-Thomas Stuberg. In seinem Vortrag vor den Pfarrerinnen und Pfarrern des Kirchenkreises sowie den Priestern und Pastoralreferentinnen des Dekanats empfahl Sternberg den großen christlichen Kirchen, sich stärker zusammenzutun. „Wir müssen als Christen gemeinsam auftreten, weil konfessionelle Unterschiede nicht mehr verstanden werden – auch nicht in unseren Gemeinden“, sagte der Präsident der katholischen Laienorganisation. Mit Blick auf die Corona-Pandemie komme immer wieder die Frage auf, wo die Kirche gewesen sei. „Es ist tatsächlich sehr, sehr viel passiert“, betonte Sternberg. „Aber das ist in den großen Medien nicht wahrgenommen worden.“ Stattdessen sei man auf die Frage reduziert worden, ob Gottesdienste stattfinden konnten oder nicht. Dabei hätten die Kirchen den Anspruch, der Gesamtgesellschaft etwas zu sagen. In Talkshows seien zu ethischen Fragestellungen aber anstelle von Kirchenvertretern eher Berufsgruppen wie Psychologen zu Wort gekommen, bedauerte der ZdK-Präsident.

Die Situation in der katholischen Kirche bewertete Sternberg als „sehr, sehr ernst“. Aktuell verließen engagierte Menschen aus dem Kernbereich die katholischen Gemeinden, nicht nur die Menschen, die ohnehin keinen Kontakt zur Kirche hätten. „Es ist die Kerngemeinde, die revoltiert. Das ist neu“, sagte der ZdK-Präsident. Angesichts dieser Entwicklung gebe es in der katholischen Kirche in Deutschland durchgehend die Auffassung: „Es gibt ein Problem, wir müssen etwas tun.“ Ausdruck dafür sei unter anderem der synodale Weg, ein Diskussions- und Reformprozess zwischen katholischen Laien und der Deutschen Bischofskonferenz. Zugleich warnte Sternberg vor zu hohen Erwartungen an die Verhandlungen: „Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, dass das Ende des synodalen Wegs sein kann, dass wir das Zölibat aufheben und Frauen zu Priesterinnen weihen.“ Das könne in einer Weltkirche ein einzelnes Land wie Deutschland nicht entscheiden. Dennoch gibt es nach Sternbergs Worten einige Themen, die kirchenrechtlich in Deutschland geändert werden könnten: etwa die Verwaltungsstrukturen der Bistümer, die Erweiterung der seelsorgerlichen Kompetenzen von Pastoralreferentinnen oder die Aufnahme von Frauen in Domkapitel.

Der katholische Dechant Karl-Hans Köhle rief in seiner Andacht auf der Pfarrkonferenz zu Gottvertrauen bei Veränderungsprozessen auf. Mit Blick auf die biblische Geschichte der Brotvermehrung erinnerte der leitende Priester des Dekanats Siegen daran, dass das Wunder nicht die Jünger wirkten, sondern Jesus Christus. „Oft entsteht der Eindruck, dass wir selbst die Kirche retten müssen“, sagte Köhle. Das liege aber letztlich in Gottes Hand. Zugleich betonte er, dass Gott für sein Handeln auf der Erde Menschen brauche, durch die er handeln könne.

 

Text und Foto: Jasmin Maxwell-Klein


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