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Der Heidelberger Katechismus - Frage 1

Predigt am 2. Februar in der Nikolaikirche Siegen

 

Frage 1: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.

 

Was ist dein einziger Trost? – Wer fragt denn sowas? Nun – der Katechismus, den 1563 der kurpfälzische Fürst Friedrich III für sein evangelisches Fürstentum in Auftrag gegeben hatte. Der theologische Gelehrte Zacharias Ursinus war sein Autor. Er lehrte an der Universität in Heidelberg. Dieser Mann sollte ein Lehrbuch verfassen, das den evangelischen Glauben in knappe Worte fasst. Interessant ist, dass der sogenannte Heidelberger Katechismus das gemeinsam evangelische Glaubensgut in Worte fassen, also nicht auch noch innerevangelisch spalten will.  Er fasst es in das Schema von Frage und Antwort – eine Form, die zu eigenem Denken anregt. Indem er den Leser fragt, provoziert er zunächst dessen eigene Antwort. Also: kein Trichter, der einmal auf den Kopf gesetzt, alles hineinpumpt, was zu wissen wäre. Selbst denken und fragen – und dann wissen UND glauben. Der „Heidelberger“ ist ein Lehrbuch und ein Erbauungsbuch – er hilft zu beten, zu glauben und zu wissen.

So schlägt man ihn auf und seine erste Frage springt einen geradezu an. Fast intim und ohne Umschweife fragt er dich und mich: „Was ist DEIN einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Bevor der Katechismus antwortet, beginnt es also, in mir zu arbeiten. Trost? Da frage ich doch lieber anders. Eher: „Was ist dein größter Traum?“ „Was wäre eigentlich vollkommenes Glück?“ „Wo liegt für mich das wichtigste Ziel, das ich erreichen will?“

Allerlei Anderes fiele mir und Ihnen sicherlich ein, wenn wir ins Fragen kommen. Wir wollen gute Eltern sein, unseren Job gut machen, einmal einen Traumurlaub genießen, oder im Alter beweglich bleiben...! Aber Trost? Liegt das erste im Bereich des aktiven Gestaltens und Wünschens, so brauche ich erst dann Trost, wenn ich selber in völlige Hilflosigkeit gerate. Wenn mir alles aus den Händen gleitet, wenn ich zum Beispiel einen lieben Menschen verlieren musste, meine Gesundheit verloren geht, der Arbeitsplatz gekündigt wird… Trost brauche ich im Schmerz, im Erleiden. Ungerne nur stelle ich mir die Frage, wo ich ihn dann herbekomme, weil die Frage mich an die eigene Schwäche erinnert.  So ungerne frage ich nach Trost wie zum Beispiel nach einer Patientenverfügung, nach der Vorsorge für den eigenen Tosdesfall oder nach Auswegen, wenn ich wirklich hilfebedürftig sein sollte. Aber Trost brauchen wir nicht erst am Ende des Lebens – nein: mittendrin! Der Teenager will getröstet werden, dem gerade über Smartphone erklärt wurde, dass die Beziehung mit dem vermeintlichen Märchenprinzen zu Ende ist. Der Firmenchef braucht Trost, dem gerade ein entscheidender Auftrag geplatzt ist. Der Millionär braucht ihn, der sich zwar alles leisten kann, der aber einsam in seinem goldenen Käfig lebt.

Ich finde, der „Heidelberger“ fragt auf hochmoderne Weise nach unserem Trost, den wir gar nicht selten brauchen. Bilder von Edward Hopper fallen mir da ein: einsame Gestalten in Amerika, die nächtens in einer Bar unter Neonlicht mit qualmender Zigarette vor kühl blitzender Kaffemaschine sitzen. Nur der Barkeeper ist noch ein weiteres menschliches Wesen in der Nähe und ihre trostlose Einsamkeit ist beklemmend zu verspüren. Ihre Seelen erlöschen allmählich, so wie die vieler Menschen heute auch bei uns!

Was kann aber da dann trösten? Wenn wir zu trösten versuchen, probieren wir ja, die Kräfte zu erwecken, die in den Trostbedürftigen stecken. „Das schaffst du schon“, „Du wirst sehen, es kommen noch andere Tage“. Unser Trost verweist auf Zeiten, die vor einem liegen oder die in deren schlummernden Kräften liegen.

Der Heidelberger verweist auf den einzigen Trost, der uns einfach nur zuteil wird, wenn es am Trost fehlt.  Und der liegt in einer besonderen Beziehung. Eine Beziehung, in der ich mich entdecke als zugehörig zu Christus. Mehr noch, in der ich sehe, dass ich in seinem Eigentum bin, dass ich nicht mir gehöre, nur mir überlassen bleibe, mutterseelenallein quasi. Der Heidelberger antwortet: „dass ich mit Leib und Seele“ -  also ich GANZ – mehr geht gar nicht: mein Denken, mein Fühlen, mein Wüten, Hintertreiben, Hoffen, Ersehnen, mein Scheitern und alles Verzagen – alles eben! Dass das im Leben und im Sterben – also immer und zu jeder Stunde – gerade nicht mir gehören muss! Dass ich dann gerade nicht auf meine mehr oder weniger vorhandenen eigenen Reserven setzen muss, sondern dass ich IHM – Jesus Christus gehöre. Und hier wird’s wirklich tröstlich: „meinem getreuen“, also verlässlichen, unbeirrbaren und nicht schwankenden oder launischen in seiner Beziehung zu mir standfesten: meinem Heiland, also Heilmacher, Ganzmacher gehöre.

Könnte diese Antwort nicht Trost werden, wenn ich ernst mache damit und wage zu denken: „Christus - da hast du es; nimm hin meinen Scherbenhaufen, meine Bekümmernis, meine Schwäche und meinen erbärmlich kleinen Glauben. Nimm meine Bruchlandungen, meinen Schmerz und diese beißende klaffende Wunde in der Seele. All das ist ja doch DEINS und nicht meins! Meine Trostbedürftigkeit – ich muss sie nicht übertünchen mit einem scheinbar fröhlichen Dauergrinsen, muss mich nicht schämen für die angstumklammerte Seele; nein: auch im Elend bin ich DEIN und Du hältst es bei mir und mit mir aus.“

Könnte es uns zum Trost werden, wenn wir gewahr würden, was Christus bewirkt hat an uns – mehr noch: für uns?

Der Heidelberger sagt: er hat für uns „vollkommen bezahlt“. Für unsere Defizite, unseren Unglauben unsere Schuld. Auf der Rechnung unseres Lebens steht zwar unser Name, aber unterm Strich steht „Null“, „Geht aufs Haus“, hat der Gläubiger erlassen! Wir sind raus!

Und genau der hat mich aus der „Gewalt des Teufels erlöst“! Das darf ich mir dann sagen, wenn ich aus meinen Teufelskreisen nicht herausfinde; wenn um mich herum manches zur Hölle geworden ist. Ich darf es mir laut vorsagen im Blick auf die Weltpolitik, in der Aggressionsspiralen und Eskalationen sich vor uns aufbauen wie Teufelswerk.

Der Heidelberger hilft uns, verwegen und der Welt zum Trotz zu sagen UND zu glauben: In Jesu Namen sind diese zerstörerischen Werke ja längst schon besiegt, überwunden. Ich darf sie in Jesu Namen nun für mich überwinden, eintreten für Frieden und Gerechtigkeit. In Jesus Namen – wir sind erlöst und in ihm die ganze Welt. Schon jetzt! Es gilt, diese Erlösung umzusetzen und täglich zu leben.

Wie aber kriegen wir Jesu Werk von außen nach innen? Vom Hören ins Herz? Wie werden wir seiner gewiss, weben es in unseren Alltag, unser Miteinander ein? Nicht einmal das schaffen wir aus eigener Kraft. Der Heidelberger antwortet: „Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

Selbst das muss er bewirken, dass ich vertraue, dass meine Zweifel schmelzen wie Eis in der Sonne, dass ich unverzagt und hoffnungsvoll lebe – dessen gewiss, dass ER mein Herr ist und ich sein geliebtes Kind, dem kein Haar gekrümmt, das nicht einmal verlustig gehen kann ohne sein fürsorgendes Wissen.

Hans Dieter Hüsch hat diese fröhliche Gewissheit in einem Gedicht ausgedrückt. Das fasst auf seine Weise zusammen, was im Heidelberger Katechismus mit der Frage 1 gemeint ist:

 

 Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

 Gott nahm in seine Hände meine Zeit.

 Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

 mein Triumphieren und Verzagen,

 Das Elend und die Zärtlichkeit.

 

 Was macht, dass ich so fröhlich bin

 in meinem kleinen Reich.

 Ich sing und tanze her und hin

 vom Kindbett bis zur Leich.

 

 Was macht, dass ich so furchtlos bin

 an vielen dunklen Tagen.

 Es kommt ein Geist in meinen Sinn,

 will mich durchs Leben tragen.

 

 Was macht, dass ich so unbeschwert,

 und mich kein‘ Trübsal hält,

 weil mich mein Gott das Lachen lehrt,

 wohl über alle Welt.

Amen.

 

Peter-Thomas Stuberg, Superintendent

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   





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