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Corona-Klagegottesdienst

am 19. November 2021 in der evangelischen Kirche Hilchenbach

 

„Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir. Herr höre meine Stimme! Lass Deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens.“ Psalm 130 1-2

 

Liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher,

aus der Tiefe dringen flehentliche Worte eines Menschen. Das biblische Klagelied hat sie aufbewahrt. Zum eigenen Nachsprechen freigegeben. Nimm sie, um nicht im verbitterten Schweigen zu versinken. Um aus deiner Tiefe herauszufinden; hinein in Gottes Herz. „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Herr.“ Du bist mein Gegenüber, mein Flehen trifft auf dein Hören.  

Wie Worte klingen, die in der Tiefe entstehen, das mussten Sie in der letzten Zeit am eigenen Leibe erfahren. Jeder und jede von Ihnen musste hier eine persönliche Tiefe durchschreiten. Und wer weiß – manch einer hat sie lange noch nicht hinter sich gelassen.  

Die Menschen, an die wir heute erinnern, haben in der Erkrankung ihre eigene Tiefe erfahren müssen. Welche Worte mögen sie in ihrer Tiefe gedacht, gesagt, gefleht, geweint haben. Worte und Wünsche geboren aus der Tiefe ihres fortschreitenden Krankwerdens. Wider Willen wurden es letzte Worte. Vieles blieb ungesagt. Manche dieser Worte drangen nicht einmal an ein menschliches Ohr. Das steigerte Ihren Schmerz im Abschiednehmen von den Verstorbenen noch einmal besonders. Dass manche nahezu allein blieben, im Infektionsschutz isoliert waren, und wir uns im Nachhinein beschämt fragen: „Musste das wirklich so sein?“ Und zugleich: „Wer hätte es denn besser gewusst?“ Wir alle mussten ja selbst Schritt für Schritt lernen, mit diesem unbekannten Virus umzugehen, der sich bei dem einen wie eine harmlose Grippe verhält, aber sich bei dem anderen als ganz verheerend entpuppt. Er hat uns unsere Unbeschwertheit von vor der Zeit der Pandemie einbüßen lassen und macht uns misstrauisch und distanziert voreinander bis heute. Wir suchen immer noch das vernünftige Maß aus Nähe und Abstand zueinander. Etwas verkrampft irgendwie. 

Dabei wurde Gottlob ja größeres Unheil verhindert. Bei uns gab‘s zum Glück keine Bergamo-Bilder.  Schnell waren Impfstoffe entwickelt. Ein Geschenk geradezu! Das einzige Mittel, das uns bestmöglich schützt vor schlimmem Verlauf.  Sie lehren den Körper, aus eigener Kraft mit dem Eindringling fertig zu werden. Dass viele ihn bis heute einfach nicht annehmen wollen, macht ratlos. Dabei müssten uns doch gerade die Todesopfer von Covid erschrecken lassen und zur Besinnung bringen.

Besonders Sie als Angehörige der Verstorbenen mussten mit Ihren lieben Menschen in den letzten Monaten Wege durch tiefe Täler gehen. Wieviel hätten Sie doch dafür gegeben, Ihrem geliebten Menschen zu helfen, wie sehr haben Sie gewünscht, es möge anders kommen, und Sie mussten erfahren: Unser Wünschen bleibt unerfüllt. Selbst ein ungewohntes flehentliches Beten, es blieb scheinbar wie ungehört. Das mag Sie zermürbt haben, ein Stück auch zerbrochen, entkräftet und letztendlich auch zweifelnd an Gott. Diese Krankheit hat wenigstens eines noch einmal offengelegt: dass wir unsere Gesundheit nicht selbstverständlich besitzen, dass wir sie nicht simpel reparieren können, sie wenig zu steuern vermögen; nein, dass unser Leben zutiefst immer nur ein Geschenk bleibt. Ein Geschenk, über das wir glücklich sein dürfen, wenn wir es in Händen halten. Ein Geschenk, das wir weit intensiver und dankbarer mit anderen teilen könnten. Aber das wir bei niemandem einklagen können, wenn es nicht so ausfällt, wie wir es wünschen.  Im Äußersten halten wir dieses Leben eben nicht in der eigenen Hand. Wir haben weit weniger im Griff, als wir meinen! Hier liegt der eigentliche Tiefpunkt: in unserem Bild von uns selbst. Wir sind nicht so stark, wie wir von uns am liebsten glauben, und viel verletzlicher, als wir es gerne hätten.  

Auch Sie als Mitarbeitende in der Medizin und in der Pflege mussten schmerzlich diese Grenze erfahren: die Grenze zwischen bestem medizinischem Können und dem Punkt des Nicht-mehr-Vermögens trotz High-Tech-Medizin.   Manche von Ihnen sehen ja gerade schon wieder die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit näherkommen, den Tiefpunkt der eigenen Kraft. Für Ihren aufopfernden, und doch immer liebevollen Dienst haben wir Ihnen herzlich zu danken!

Die Pandemie brachte Trauer und Tiefenerfahrungen, Grenzerlebnisse und eine grundlegende Erschütterung unserer normalen Abläufe. Für jeden und jede auf unterschiedliche Weise. Gibt es in alledem einen Halt? Gibt es sogar einen echten Trost in der Tiefe? Wer durch die Tiefe geht, hat ein klares Gespür für das Echte, was wirklich trösten kann. Darum möchte ich hier keine allzu leichtfertigen und vollmundigen Antworten versuchen. Erklärungen, die versuchen, die Pandemie begreifbarer zu machen. Etwa: Die Pandemie sei jetzt die Quittung der ausgebeuteten Natur, oder gar: Sie sei eine Züchtigung durch Gott. 

Das, was sie mich lehrt, ist gerade, auf zu einfältige Erklärungen zu verzichten. Auch auf schnelle Gotteserklärungen. Das Reden über Gott, das vermeintliche vollständige Wissen über ihn wird in der Krise leiser. Still wird das Spekulieren über seinen Plan, über sein Wesen und seinen Willen. Nein: Wir haben keinen Einblick in ein himmlisches Regiebuch. Es ist stattdessen das Reden MIT Gott, das einen Weg für uns in der Krise legen könnte. „Aus der Tiefe rufe ich zu dir!“, schreit der Mensch in der Bibel aus sich heraus. ZU DIR – wohin denn sonst?! Eher kleinlaut und wundgerieben an der Last des Unerträglichen. Warum mussten diese Menschen sterben? Warum für uns zur Unzeit? Warum an diesem Virus? Warum wurde uns das zugemutet? Wir bleiben ohne Erklärungen und ohne Lösungen in allem Fragen nach dem Warum.  Ohne dass unser Verstand wüsste, wieso Gott es hat geschehen lassen. Geschehen lassen für manchen einen sowohl das Wunder der Genesung, wie für andere einen schweren Tod.

Nach vorne bewegen können wir uns am ehesten, wenn wir es Gott direkt sagen. Im festen Zutrauen: Gott ist anders. Bilder von einem pädagogischen Gottvater treiben nur Spott mit uns. Mehr als nur ein Puzzlestück gibt unsere Erfahrung nicht von ihm her. Nur deshalb findet der Beter seine Kraft zum Beten. Weil er weiß: Gott ist mehr, als ich jetzt erleide. Gott will mir nichts Böses. Er will mich nicht zerbrechen lassen an diesem Leid. Auf diese Hoffnung hin findet das Beten ehrliche Worte. Zu dem, der unbegreiflich und trotz allem da ist, jetzt; das gibt Kraft, um das Untragbare abzulegen bei ihm. Beim Beten wird diese Kraft geschenkt, die uns eine Ahnung ins Herz legt, dass Gott sich berühren lässt, wenn seine Menschen leiden. Gott ist selbst zutiefst angefasst, wenn er die Stimme seines Menschen hört. Die Stimme – nichts gehört so unverkennbar zu uns wie sie. Die kräftige und ein allmähliches Verhauchen der Stimme. Unverwechselbar. „Höre auf die Stimme meines Flehens“ – also auf mich! In aller Tiefe, die der Psalm beschreibt, spürt er die Nähe des ganz anderen Gottes; des berührbaren. Nicht des verstandesmäßig zu erfassenden, sondern dessen, der sich mir im Vertrauen auf ihn aufschließt. Und selbst für dieses Vertrauen gibt ER mir noch die Worte in meiner Tiefe. So ist doch allein schon das Reden mit Gott, das Beten, so etwas wie ein Nach-Hause-Kommen. Es braucht keine Erklärungen und vermeidet irrlichtende Phantasien von Gott. Es sagt, was Sache ist – gerade in der Tiefe! Ehrlich und echt! Mehr Trotz ist uns nicht möglich, wenn wir schwach werden. Trotz in Gottes Namen, der Gestalt gewinnt, wenn ich mit Gott rede. Indem ich‘s vor Gott ausspreche, ist es, als nähme ich Platz am gedeckten Tisch bei Vater und Mutter; erschöpft und durchnässt vom langen Wandern, zermürbt von allen Anstrengungen, verletzt an Leib und Seele. Und genauso ankommen können, da sein dürfen, schweigen und es alles IHM überlassen. Mich selbst – IHM. Meine Traurigkeit, meine Wut, meine Erschöpfung, aber auch meine unbändige Lust zum Leben.

Und dann darf ich im Klagen entdecken, dass da längst schon einer neben mir sitzt: Es ist Christus. Er kennt die Tiefe aus eigener Erfahrung. Er hat unsere Tiefen selber durchschritten. Sein Zeichen ist das Kreuz, das tiefste Erniedrigungszeichen. In diesem Zeichen dürfen wir sagen: Die Verstorbenen – sie ruhen jetzt in ihm. Und uns Lebenden schenkt er Kraft, es zu glauben. Ist ganz bei den Verstorbenen und uns Lebenden. Nimmt sich unser aller in der Tiefe an und führt uns heraus. Er erlöst uns, nicht immer vom Leid. Aber immer vom Tod. Amen.

Peter-Thomas Stuberg

Superintendent

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   





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